Der Koloss auf tönernen Füßen

Die Reformen in China im ausgehenden 20. Jahrhundert haben das Land was Wirtschaftswachstum und schiere Größe angeht an die Weltspitze katapultiert. Zwar nimmt das Land mit einem BIP von umgerechnet 11.200 Mrd. USD im Jahr 2016 nach den USA noch den zweiten Rang ein. Unter Berücksichtigung der nahezu doppelt so hohen Kaufkraft des Yuan gegenüber dem US-Dollar rückt China schon an die Weltspitze bei der Wirtschafts-leistung. Eindrückliche Vergleiche veranschaulichen diese Spitzenstellung. So produziert und verbraucht das Land nahezu so viel Kohle und Stahl wie der Rest der Welt zusammen und übertrifft den Rest der Welt noch etwa bei Aluminium und Zement.

Die Krönung der Superlative findet sich im Finanzsektor des Reichs der Mitte. Die Hälfte der weltweiten Neuverschuldung seit der Finanzkrise entfällt auf China. In absoluten Zahlen gemessen hat sich die private und öffentliche Verschuldung zusammen genommen  zwischen 2007 und 2015 von gut 6.000 Mrd. auf 25.000 Mrd. USD vervierfacht. Die atemberaubende Neuverschuldung und die hohe Gesamtverschuldung sind das Ergebnis einer Politik der Konjunkturstimulierung primär durch den Kredithahn. Seit der Finanzkrise schwappen Kredite im immer neuen Wellen über das Land. Zunächst wurden die staatseigenen Großunternehmen durch die Staatsbanken mit dem Geldsegen versorgt. Danach expandierte der übrige Bankensektor durch Ausgabe hoch verzinslicher Papiere ähnlich den amerikanischen Kreditverbriefungen vor der Finanzkrise. Der heftige Anstieg der Immobilienpreise im letzten Jahr war von einem ebenso massiven Wachstum der Hypotheken begleitet.

Eine hohe Ersparnisbildung im Inneren des Landes sowie eine noch mäßige Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIP geben die Möglichkeiten einer krisenhaften Entwicklung gegenzusteuern. Aber es ist auch klar, dass die Verschuldung und damit die Konjunkturstimulierung nicht in diesem Tempo weitergehen kann. Die chinesische Führung hat die Risiken erkannt und teilweise Gegenmaßnahmen ergriffen. Während die Vergabe von Hypotheken Ende letzten Jahres noch mit einer Rate von 35 Prozent gewachsen war, ist es hier zum Stillstand gekommen. Freilich ist der Ausstieg aus der zügellosen Verschuldung ein schwieriger Balanceakt. Nicht nur die Hypothekenvergabe stagniert seit dem Herbst diesen Jahres, auch der Verkauf von Wohnimmobilen wächst nicht mehr. Im September ergab sich ein leichtes Minus gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat.

Sehr aufschlussreich sind Kennzahlen, die gerade zusammen mit den chinesischen BIP-Daten für das dritte Quartal veröffentlicht wurden. Die gesamte Bautätigkeit brachte es im dritten Quartal auf ein Vorjahreswachstum von 4 Prozent, während nicht näher definierte Dienstleistungen im Technologiesektor mit einer Rate von fast 30 Prozent wuchsen. Dies deckt sich zum Beispiel mit starken deutschen Daten zum Auftragseingang im August. Deren Stärke war ganz wesentlich das Ergebnis der Nachfrage nach Technologiegütern aus dem Nicht-EU-Ausland. Weltweit schwächelt die Nachfrage bei den alten Industrien Bau oder Kfz, in den USA fällt sie aktuell, während der Technologiesektor boomt. Sollte die Schwäche bei den alten Industrien wie im Jahr 2015 auf den Technologiesektor überspringen, so hätte das weltweit Folgen für die Aktien- und Anleihenmärkte.

Über Dr. Walter Naggl

Der studierte Volkswirt promovierte im Jahr 1980 zum Thema „Konjunkturmodell auf der Basis von Ifo-Daten“. Im Jahr 1991 folgte die Habilitation zum Thema „Effizienz des Devisenmarktes“. Bis zum Jahr 2000 hielt Dr. Naggl Vorlesungen an der Universität München zu den Themen Ökonometrie, Konjunktur, Zinsen und Wechselkurse. Auf Grundlage seiner Absolute Return-Strategie erreichte der Fondsmanager in den vergangenen zehn Jahren für institutionelle Kunden, insbesondere Versicherer, einen überdurchschnittlichen Wertzuwachs. Nach dem identischen Ansatz wird der Publikumsfonds PTAM Absolute Return gemanagt.

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